Donnerstag, Februar 09, 2006

Das Eigenleben von Symbolen

Seit den satirischen Bildnissen des islamischen Propheten Mohammed in einer dänischen Zeitung vor vier Monaten und einer beispiellosen antiskandinavischen (und antieuropäischen) Kampagne in der islamischen Welt, erleben wir eine hitzige interreligiöse Diskussion über erlaubte Karikaturen.

Die autokratischen Herrscher versuchen sich, mit den islamistischen Bewegungen im Nacken, als Hüter des Glaubens zu profilieren. Die Bilder kennen wir eigentlich schon, nur dass dieses Mal dänische Flaggen von Marokko bis nach Indonesien verbrannt, beschmutzt, skandinavische Vertretung angegriffen und skandinavische Produkte boykottiert werden. Alles, weil eine dänische Zeitung (zugegebenermaßen ein rechtes Schundblatt im liberalen Dänemark) Mohammed (es besteht ein Bildnisverbot im Islam) als Terroristen darstellte.

Man mag über den Geschmack oder Geschmacklosigkeit streiten, aber die Forderungen, dass die dänische Regierung die „Verantwortlichen“ bestrafe müsse, zeigt umgekehrt wenig Ahnung und Respekt von unserer demokratisch-freiheitlichen und rechtsstaatlichen Grundordnung. Paragraph 1 unseres Strafgesetzbuches („Eine Tat kann nur bestraft werden, wenn die Strafbarkeit gesetzlich bestimmt war, bevor die Tat begangen wurde.“) besteht aus zwei solcher Grundsätzen: Nulla poena sine lege certa und Nulla poena sine lege praevia.

In diesem Zusammenhang ist es allerdings interessant, was zeitgleich in einem modernen muslimisch-sunnitischen Staat geschieht, das in die EU möchte, nämlich in der Türkei geschieht.

Schon 2 Millionen Unterschriften wurden für eine Petition gesammelt, in der gefordert wird, dass der ökumenische Patriarch Bartholomäus I. und das Istanbuler/Konstantinopler Patriarchat nach Griechenland übersiedeln müssen. Symbolisch wurde bei einer Demonstration türkischer Nationalisten in Izmir eine Darstellung des ökumenischen Patriarchen in ein Boot gesetzt, das Richtung Griechenland geschickt worden ist.

Wenige in Deutschland wissen, dass mit dem Begriff „nach Griechenland schwimmen“ euphemistisch die ethnische Säuberung 1912-1924 der modernen Türkei von den Griechen gemeint ist. Diese Inszenierung in Izmir bedeutet symbolisch für die Türken und Griechen viel mehr, als der unwissende Beobachter im ersten Augenblick erahnen würde.

Der Hintergrund ist die europäische Integration der Türkei. Türkische Nationalisten befürchten, dass das ökumenische Patriarchat in Istanbul, wie der Vatikan ein Staat im Staat werden könne, vor allem seit die EU die Türkei auffordert die Lage der religiösen und sonstigen Minderheiten zu verbessern. Die Türkei selbst erkennt den ökumenischen Patriarchen, der als Primus inter pares den orthodoxen Kirchen vorsteht, als solchen gar nicht einmal an, sondern nur als Oberhaupt der 2.000-3.000 griechischen Gläubigen in der Türkei. Trotzdem oder gerade deswegen fordert sie, dass jeder Patriarch in Istanbul die türkische Staatsangehörigkeit besitzen muss.

In diesem Zusammenhang sollte die Zerstörung der historischen und größten stehenden Buddhastatuen von Bamiyan aus dem 6. Jahrhundert durch die Taliban 2001 erwähnt werden. Denn im Gegensatz zu der „satirischen Beleidigung einer Religion“, war das ein Akt der „barbarischen Schändung“. Die Buddhastatuen sind weg, Mohammed bleibt. Die Welt war entsetzt über diese Tat einiger Extremisten (die Karikaturen zeichnete auch nicht der gesamte Westen), aber Reaktionen, wie wir sie momentan erleben waren nicht zu verzeichnen.

Verhältnismäßigkeit ist das Stichwort. Erst dachte ich etwas über Toleranz, ein schickes Modewort, zu schreiben. Schließlich verwendet es jeder, aber keiner weiß so genau, was es ist und es passt zum Thema oder Respekt, z.B. Respekt vor anderen Glaubensrichtungen. Nach längerem Überlegen finde ich, dass Toleranz dann doch nicht so gut zum Thema passt. Die einzige Frage wäre, bis zu welchem Grad toleriere ich Angriffe, Beleidigungen, Erniedrigungen oder Schmähungen gegen meinen Glauben. Ich finde es ist das gute Recht eines jeden Muslimen diese Karikatur zu kritisieren, eines jeden (orthodoxen) Christen auf die Missstände in der Türkei hinzuweisen und eines jeden Buddhisten sich über die Zerstörung der Statuen aufzuregen. Die Frage ist also nicht OB, sondern WIE!

Eine Aufregung oder gar Kritik an den Karikaturen ist also okay, aber es legitimiert weder die autokratischen Herrscher antiwestliche Kampagnen zu starten, zum Boykott aufzurufen, Botschaften niederzubrennen, zum xten Mal den Jihad auszurufen…Verhältnismäßigkeit würde aber auch zu den Reaktionen im Westen passen. Musste man demonstrativ die Pressefreiheit nun damit verteidigen, dass jede Zeitung diese Karikaturen nachbilden oder gar neue machen musste?

So toll waren diese Zeichnungen nicht, dass sie es wert wären, so einen Zuspruch zu erhalten

Mittwoch, Februar 08, 2006

Von Verletzungspech, JJ, Tabellen und Post SV

Das Verletzungspech, das die Falken verfolgt macht nun auch nicht mehr vor den Falconeers halt… Nach längerer Erkältung und einer verstauchten/geprellten Hand kommt nun, welch Überraschung wieder eine Erkältung. Deswegen gab’s längere Zeit nichts im Blog. Habe immer wieder angefangen etwas Neues zu schreiben, aber mich dann dazu entschlossen, doch lieber das Bettchen zu hüten.

Und dabei ist wieder so viel passiert. Es wird über Karikaturen gestritten, im Kosovo erlebt die Diplomatie des 19. Jahrhunderts eine Renaissance, genauso wie das Spiel von Falke. Ach, war der Samstag schön. Play-Off-Kandidat Trier aus der Halle geschossen. Zudem gab’s heute ein Wiedersehen mit Julius Jenkins und zwar auf Eurosport 2.

Zu JJ sag ich doch etwas. Bisschen Nostalgie war schon dabei, diese Rastalocken wieder auf einem Spielfeld zu sehen, aber irgendwie war’s doch nicht das, was man kannte oder irgendwie doch kannte. Es war einfach nicht sein Spiel. In der Verteidigung viel zu langsam, zudem blieb er oft in den Blöcken hängen (Schuld seiner Mitspieler) und wirkte irgendwie Fehl am Platz. Wie ein Anfänger. Im Angriff dann etwas, was wir schon kannten – er taucht unter wenn er Verantwortung übernehmen sollte. Er verlangte nicht wirklich den Ball. Irgendwie alles untypisch JJ. Dazu kommt, dass ihn seine Schnelligkeit nichts brachte, da die Israelis flink die Wege zugemacht hatten. Diesen Vorteil konnte er nicht nutzen. Von traumhaften Alley-Hoops will ich gar nicht reden. Symptomatisch war der Schluss – das Spiel war knapp, Horace Jenkins (wie viele Jenkinse gibt’s denn noch???), glaube ich war es, der JJ vernascht hatte. HJ bleibt also einfach stehen, JJ rennt weiter, HJ schießt und trifft. JJ dann mit der Antwort. Er an der 3er-Linie, seine uns vertraute Wurfbewegung und ….. MONSTERBLOCK. Das war’s. Bree war damit draußen.

Schade. Ich denke, dass JJ wohl insgesamt schon besser gespielt hat in Bree, aber das Spiel, das man sehen konnte, leider nicht. Trotzdem hoffe ich, dass er hart an sich arbeitet und man ihn hin und wieder Mal wieder im TV sieht.

Nach dem Trierspiel noch etwas lustiges… Wir spielen ja am Samstag in Bonn und Bonn befindet sich nach einigen seiner Fans in einer Krise. Wer regelmäßig den ARD-Videotext anschaut, weiß wieso:





Wir sind laut der "aktualisierten" Tabelle nun nur neunter. KEIN Play-Off-Platz. Ich hoffe das hat Konsequenzen. So geht das nicht weiter. Wahrscheinlich steht dann unten noch, dass wir 4 Punkte vor einem Nichtabstiegsplatz sind. Nenene…. Ich fordere Konsequenzen!



Dettmann soll Coach werden und die Damen des Post SV, die sich gerade im Aufstiegskampf in die 2. Liga befinden, spielen anstatt der bisherigen Falkemannschaft. ;-)
Zudem wünsche ich mir neue Fans, am besten aus München! *ggg*
Okay, wann ist wieder Fasching?

Ahja, hab heute mal wieder auf Premiere nen Glubbspiel angeschaut und der Glubb verliert.... Ich hoffe, ich werde etz von einer Person net umgebracht, weil ich seit langer Zeit Mal wieder nen Glubbspiel im TV angeschaut habe und der Glubb deswegen verloren hat. ;-)
Das wäre mehr als nur Verletzungspech.

Donnerstag, Februar 02, 2006

Babylonisches Wirrwar im kleinen Land der Schwarzen Berge

Im ehemaligen sozialistischen Jugoslawien gab es ein merkwürdiges Phänomen, das ich so nur noch aus der ehemaligen Tschechoslowakei kenne.

Einer der höchsten Güter in diesen multinationalen Staaten war es, dass jeder seine Nationalität selbst bestimmen und diese auch einfach so ändern konnte. Dies war dann auch der Grund für den Staat des Öfteren Volkszählungen durchzuführen, um zu wissen, aus welchen Nationen und Nationalitäten die Gesamtbevölkerung besteht.

Für die Schüler war es ein Spaß, als sie erklärt bekommen haben, dass sie alleine bestimmen können, welcher Ethnie sie angehören – so ganz nach Lust und Laune. Sowohl die tschechoslowakischen, als auch die jugoslawischen Kinder meinten dann:
„Ach, heute fühle ich mich dann einmal als Eskimo, und du?“.

Jugoslawien hatte aber weitere Besonderheiten. Es gab zum einen neben den traditionellen Nationen, Nationalitäten und Minderheiten, wie Slowenen, Kroaten oder etwa die Serben, die Nation „Jugoslawe“. Nur eine Minderheit bekannte sich zu dieser neu geschaffenen Nation, aber immerhin.

Skurriler war Titos Erfindung der Nation „Musliman“ (Muslim) 1971 vor allem für die bosnischen Muslime. Es wurde nun unterschieden zwischen musliman (kleingeschrieben) für die Religionszugehörigkeit, der eben auch Albaner angehören können und Musliman (großgeschrieben) für die neue Nation.

Vor dieser Reform definierten sich die Muslime eben als Serben oder Kroaten mit muslimischen Glauben.

Während man einen Slowenen, Makedonier oder Angehörigen der albanischen oder ungarischen Minderheit anhand ihrer Sprache erkannte, konnte NUN die große Masse der jugoslawischen Bevölkerung anhand der Religion definiert werden.

Fast alle Katholiken, die serbokroatisch sprachen sahen sich als Kroaten, alle Muslime serbokroatischer Zunge als Muslimani und alle Orthodoxen als Serben oder Montenegriner. Bekannte Ausnahmen bilden z.B. der Literaturnobelpreisträger Ivo Andric, der sich als Serbe sah, obwohl er aus Bosnien stammte und katholische Vorfahren hatte, genauso wie der bekannte Filmregisseur Emir Kusturica, der ursprünglich bosnischer Muslime war. Wie gesagt, sind das allerdings Ausnahmen.

Im Laufe des Bosnienkrieges und vor allem mit Aufkommen des islamischen Terrorismus und Stigmatisierung muslimischer Bewegungen erinnerten sich die Muslime serbokoratischer Zunge an den nicht mehr gebräuchlichen Begriff „Bosniake“. Somit definierten sich viele Muslime (Musliman) als Bosniaken.
Während der „Bosnier“ nun für die Bewohner Bosniens verwendet wird, ganz egal welcher Nationalität sie angehören (Serbe, Kroate, Bosniake/Muslime), bezeichnet man mit „Bosniake“ die slawischen Muslime in Bosnien, Kroatien, Serbien (hier gibt es dazu noch die Goraner. Slawische Muslime im Kosovo mit eigenen Traditionen) und Montenegro.

Somit wäre die Begriffe Muslime und Bosniake geklärt und es geht weiter im jugoslawischen Fleckenteppich.

Nun geht’s um die Montenegriner. Eigenbezeichnung ist Crnogorac (~ Schwarzberger), weil sie die schwarzen Gebirge bewohnen.
Als die Türken im 14. Jahrhundert die serbischen Staaten nacheinander okkupierten, blieb ein Flecken unbesetzt und zwar das sagenhafte Montenegro. Dort etablierte sich im Laufe der Zeit ein patriarchalisches Bischoffsfürstentum.

Von Petar II Petrovic Njegos (der Goethe des Balkans), im 19. Jahrhundert Dichterherrscher über Montenegro stammt der Ausspruch, dass er montenegrinischer Herrscher und serbischer Dichter sei.

Und genau hier gelangen wir nun zur spannenden Frage. Was sind Montenegriner oder wie unterscheiden sie sich von den Serben. Durch die bewahrte Selbstständigkeit kann ein eigener Weg und eigene (vor allem patriarchale) Tradition nicht geleugnet werden. Andererseits bestehen die Montenegriner aus einem guten Dutzend serbischer (oder nun doch montenegrinischer) Stämme.

Bis in die 1990er Jahre konnte man sagen, dass die Montenegriner die besseren Serben waren, wie die Bayern die besseren Deutschen.
Das Parlament des Königreiches Montenegro Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nannte sich „Serbische Versammlung Montenegros“. Auch die Flagge ähnelte damals der serbischen. Es gab eben nur zwei Herrscher und zum Ende des 1. Weltkrieges beschloss das montenegrinische Parlament ihren König abzusetzen und Teil des Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen zu werden, das später dann Jugoslawien hieß.

Doch was einmal war, gilt nicht mehr.

Im Zuge der Balkankriege und des System Milosevic etablierte sich ein sehr merkwürdiges System in Montenegro.

Da nennt sich zum Beispiel sowohl die größte Regierungspartei, als auch die größte Oppositionspartei „sozialistisch“. (Demokratische Partei der Sozialisten <-> Sozialistische Volkspartei Montenegros.) Ich muss nicht erwähnen, dass die drittstärkste Partei eine sozialdemokratische ist.

Ein Erbe Milosevics, denn beide Parteien stammen aus einer Parteienspaltung und waren irgendwann mit Milosevic verbündet.

Der momentane Autokrat in Montenegro, Milo Djukanovic, ist ein ehemaliger (und sehr junger) Zögling Milosevics gewesen, der sich von ihm abwendete, als er ihn nicht mehr brauchte und es für seine Machtsicherung besser war, nichts mehr mit dem alten Meister zu tun zu haben. Er hat eben viel gelernt.
Erst war er lange Präsident und da ihm politische Immunität gut tut, er aber laut Verfassung nicht mehr das Amt des Präsidenten bekleiden durfte, wurde er eben Premier und ist weiterhin derjenige der bestimmt, wie was wo passiert. Immunität braucht der immer noch sehr junge Politiker, weil er wohl ziemlich tief in Zigarettenschmuggel verstrickt ist und vor allem die italienischen Staatsanwälte, die ja gerade die schwierigen Maffiafälle lieben, wie hungrige Haie darauf warten ihn in einem italienischen Gerichtssaal zu sehen.

Also führt seitdem der autokratische Herrscher in einem patriarchalen Land eine Bewegung zur Unabhängigkeit des kleinen Balkanstaats, der nur etwas mehr Einwohner hat als Nürnberg.

Am Anfang konnte er sich als Musterdemokrat präsentieren, der sich von Milosevic loslösen möchte. Nun ist das nicht mehr so leicht möglich. Nichtsdestotrotz führt er seinen Kurs weiter fort und in diesem Frühjahr soll ein Referendum über das Schicksal des Bergstaates entscheiden. Hier zu wird es mehr geben, wenn das Referendum näher rückt, denn die Kampagnen sind mehr als interessant.

Kommen wir aber zum Thema Nationalitäten zurück und schauen uns die letzte Volkszählung in Montenegro aus dem Jahre 2003 an:

Montenegriner: 267.669 (43,16%)
Serben: 198.414 (31,99%)
Bosniaken: 48.184 (7,77%)
Albaner: 31.163 (5,03%)
Slawische Muslime: 24.625 (3,97%)
Kroaten: 6.811 (1,10%)
Roma und Sinti: 2.601 (0,42%)

Interessant hierbei ist, dass sich im Unterschied zu den vorherigen Volkszählungen so viele orthodoxe Montenegriner als Serben bezeichnet haben. Dies sollte eher als politische Demonstration und weniger als Beweis der ethnischen Zugehörigkeit gewertet werden. Der montenegrinische Korpus ist als geteilt in „Montenegriner“ und „Serben“. In diesem Zusammenhang ist es interessant, was die Befragten angaben, welches ihre Muttersprache sei: in der Volkszählung von 2003 gaben 59,67% der Bevölkerung Serbisch und 21,53% Montenegrinisch als ihre Muttersprache an.

Weitaus interessanter finde ich allerdings das Phänomen, dass prozentual viele Muslime in Montenegro sich auch weiterhin als „Muslime“ und nicht als „Bosniaken“ deklarieren. Mich hat das überrascht, als ich das heute in einer Zeitung las, weil der Trend auf dem Balkan doch zum Bosniakentum hingeht.

Weit aus interessanter fand ich allerdings, dass auch der slawisch-muslimische Korpus in Montenegro geteilt ist, wie der montenegrinische. Die „Muslime“ sehen sich als Montenegriner und Muslime in persona und akzeptieren deshalb den Begriff „Bosniake“ nicht. Ihre Nationalität ist also Montenegrinisch und sie sind in der Mehrheit, wie die „Montenegriner“ für die Unabhängigkeit.
Die „Bosniaken“ sehen sich hingegen nur als Minderheit in Montenegro. Zudem befürchten sie, dass sie durch eine Unabhängigkeit von ihren bosniakischen Brüdern in Serbien (Grenzregion Sandzak zu Montenegro und Bosnien) getrennt wären und sind mehrheitlich, wie die „Serben“ Montenegros gegen eine Abspaltung.

Da es sich hier mehr um politische, als um ethnische Begriffe handelt, habe ich diese in Klammern gesetzt. Ich hoffe es hat irgendjemand nur halbwegs durchgeblickt. ;-)
Für mich war der Teil mit den Muslimen in Montenegro neu und ich musste es irgendwie loswerden…

Funktionäre und Basketball

Die Schmach war unvorstellbar.
Als achtmaliger Europameister und fünffacher Weltmeister schafften es die Serben im eigenen Land nicht unter die besten acht europäischen Mannschaften zu gelangen. Zeljko Obradovic musste endlich als Coach gehen. Denn die Bilanz nach Svetislav Pesics Abgang sah nicht gut aus. 2003 - Blamage bei der EM in Schweden, dann übernahm der serbische Dettman, Zeljko Obradovic, das Ruder. Es folgten die noch größere Blamage bei der Olympiade in Griechenland 2004 und die Schmach von Novi Sad (Die Mannschaft durfte nicht einmal in der neuen Belgrader Arena spielen.) 2005. Der serbische Detti übernahm die Verantwortung und ging.

Die FIBA erbarmte sich der Serben und neben Puerto Rico oder Südkorea bekam auch Serbien eine Wildcard für die WM 2006 in Japan. Ist irgendwie sowohl für die Veranstaltung, als auch die Mannschaft peinlich, wenn der amtierende Weltmeister nicht seinen Titel verteidigen kann, weil er gar nicht teilnimmt an der WM.

Und als ob der Basketballbund Serbien-Montenegros auf mich hörte und erkannte, dass, wenn man drei Weltmeisterschaften hintereinander und den Titel verteidigen möchte, man einen erfahrenen und guten Coach braucht. Und man erinnerte sich wieder an Svetislav Pesic.

Die Bilanz Pesics sieht gut aus:
der einzige Coach, der mit zwei verschiedenen Nationalmannschaften Europameister (1993 mit Deutschland, 2001 mit Serbien) geworden ist,
einmal Weltmeister (2002 mit Serbien),
4 deutsche Meisterschaften mit Alba Berlin (1997-2000),
1 Mal Korac-Kup mit Alba (1995),
und 2003 mit dem FC Barcelona den spanischen Pokal, die spanische Meisterschaft und die Europaliga gewann.

Momentan trainiert er bei Lottomatica Rom und zeigte die Bereitschaft den Trainerposten in Serbien wieder zu übernehmen. Es wäre wieder eine Herausforderung für diesen Ausnahmecoach. Soweit so gut, alles sieht danach aus, als ob er nur noch unterschreiben müsste und nu? Er sagt auf einmal ab – per Telefon. Ein neuer Coach ist auch da, mit Dragan Sakota vom Roten Stern Belgrad. Hm, ein typischer Balkancoach: erst in Kroatien tätig, dann lange in Griechenland (auch unter dem serbischen Detti) und nun bei Roter Stern. 2002 ist er griechischer Meister mit AEK geworden und 1991 gewann er den EuropaCup mit PAOK.

Meine Vermutung, dass etwas im Basketballbund nicht stimmt und Pesic wohl deshalb abgesagt hat, verdichtet sich.
Die Basketballlegende Zeljko Paspalj wunderte sich, dass die Wahl des Trainers bzw. die Kommunikation an sich im Basketballbund per Fax, Mails und Telefon von statten geht, anstatt bei so einer wichtigen Frage sich zu treffen und vor Ort zu regeln.
Auch der langjährige ehemalige FIBA-Generalsekretär Borislav Stankovic äußerte die Befürchtung, dass der Basketballbund mit dieser Praxis das Land und die FIBA beschämen wird. Man habe weder mit Pesic, noch jetzt mit Sakota gesprochen, noch ihre Programme angeschaut. Es ist nicht einmal klar, ob Sakota, wenn er den Posten als Nationaltrainer übernehmen sollte, auch weiterhin Coach bei Roter Stern bleiben kann.

Ich glaube die nächste große Blamage bei einem großen Turnier für ein Land mit großer Basketballtradition steht bevor.

Mittwoch, Februar 01, 2006

Kosovo sagen, Kaukasus denken

Es verdient Beachtung, wenn der russische Präsident innerhalb sehr kurzer Zeit öffentlich zum Thema Kosovo mehrmals Stellung bezieht. Nachdem er seinen Außenminister angewiesen hatte, welche Position Russland in der Balkankontaktgruppe einzunehmen hat, ging er gestern bei der Jahrespressekonferenz unter anderem auch wieder auf dieses Thema ein.

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass der Fragesteller nicht vom Balkan, sondern aus dem Kaukasus, genauer aus Georgien (das mit Abchasien, Südossetien und Adscharien gleich drei abtrünnige Regionen hat, die von Russland unterstützt werden oder wurden) kommt.
Nutsubidse wies auf die Stellungsnahmen Putins zum Kosovo hin und fragte, ob dies bedeute, dass Russland, im Falle einer Anerkennung des Kosovo, genauso im postsowjetischen Raum verfahren und z.B. Abchasien und Südossetien (einseitig) anerkennen würde.

Als erstes wies Putin daraufhin, dass die Grundlage für den endgültigen Kosovostatus auf der Resolution 1244 des UN-Sicherheitsrates (interessant ist die gute Vorbereitung Putins) basieren müsse, in der festgeschrieben worden ist, dass das Kosovo Bestandteil des jugoslawischen (mittlerweile serbisch-montenegrinischen) Staatenbundes sei. Denn Resolutionen des Sicherheitsrates seien da, um befolgt zu werden.

Als zweites wies er daraufhin, dass internationale Prinzipien universellen Charakter haben müssten und führte das Beispiel Mazedonien auf. Dort hätte der Westen erreicht, dass die Albaner, die 20% der Gesamtbevölkerung ausmachen, in allen wichtigen Institutionen in dieser Anzahl vertreten sein müssen. Er fragte, wieso dann diese Prinzipien nicht auch für die Russen, die 60% der Bevölkerung im lettischen Riga (immerhin Teil der EU) ausmachen, gelten.

Zum Schluss wies er daraufhin, dass im Falle einer Selbstständigkeit des Kosovo niemand den Abchasen oder Südosseten verbieten könnte auch Unabhängig zu werden. Es gäbe eben Einzelfälle, in denen Staaten, wie die Türkei, abtrünnige Regionen, wie das türkisch dominierte und besetzte Nordzypern einseitig anerkannten. Dies hieße zwar nicht, dass Russland genauso handeln würde. Aber gerade deswegen bräuchte man auf internationaler Ebene Lösungen universellen Charakters.



Interessantes hört man auch aus London, wo die Balkankontaktgruppe tagte. Der Westen soll schon vor dem Treffen versucht haben Russland zu überreden. Durch die Rede Putins, die vor allem eben in die Richtung Washingtons gerichtet war, war dieses Unterfangen unmöglich geworden. Zudem deutete Putin an, dass durch diesen Dominoeffekt, die Macht Russland im postsowjetischen Gebiet steigen würde.

Der UN-Sondergesandte für die Statusverhandlungen und ehemalige finnische Präsident Martti Ahtisaari forderte vor der Rede auf, Druck auf Russland auszuüben. Schließlich ist die Lösung des Think Tank International Crisis Group, dem auch Ahtisaari gehört eine „bedingte Unabhängigkeit“ des Kosovo.

Der Westen verschätzte sich wohl insgesamt mit der Lage in Russland. Als der Kreml bekannt gab, dass es eine Verlautbarung bezüglich des Kosovo geben werde, rechnete man mit einer routinemäßigen Rede. Desto überraschter scheint man gewesen zu sein, als Putin höchst persönlich auftrat und worüber er sprach.

Die Bush-Administration geht allerdings weiterhin davon aus, dass Russland sich nicht vor Auswirkungen der Statusverhandlungen auf Tschetschenien fürchtet, sondern viel mehr einfach nicht gegen die Serben sein will und erwartet, dass der Kreml letztendlich doch den westlichen Lösungsvorschlag mittragen werde.

Ein Problem ist allerdings jetzt, vor Verhandlungsbeginn, sichtbar.

Ahtisaari behaart darauf die Gespräche innerhalb eines Jahres zu beenden.
Die Verhandlungstaktik der USA scheint allerdings zu sein, die Gespräche langsam zu führen, um die Serben nicht unnötig zu provozieren. Erst solle über die Dezentralisierung des Kosovo gesprochen werden, wo man eher den Serben entgegenkommt, um dann im fortlaufenden Stadium die Unabhängigkeit des Kosovo auszuhandeln, was den Vorstellungen der Kosovoalbaner entspricht.

Nun wird allerdings befürchtet, dass Ahtisaari die Statusfrage früher auf den Verhandlungstisch bringt und die Serben eventuell dazu veranlasst den Verhandlungstisch früh zu verlassen.

Die Gründe sind zum einen, dass die Strategie der Amerikaner die Verhandlungsdauer verlängert. Zum anderen ist es nun nach der Aussage Putins klar, dass die Verhandlungen nicht in Ahtisaaris Büro in Wien, sondern in den Hauptstädte der Großmächte geführt werden.

Konstantin Zalutin, Direktor des Instituts für die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten meint, dass in den USA alles für eine Unabhängigkeit des Kosovo vorbereitet worden ist. Wenn man die Meinungen westlicher Beobachter betrachtet, die einhellig von einer Unabhängigkeit ausgehen, kann man Zalutins Einschätzung teilen.

Russland musste also nach seiner Aussage ein Junktim zwischen dem Kosovo und den Gebiet der ehemaligen Sowjetunion schaffen, um Verhandlungsspielraum zu erhalten. Putins Clou war hingegen weniger die russische Angst zu schüren, dass man Tschetschenien verlieren könnte, sondern aufzuzeigen, dass Russlands Macht im „Nahen Ausland“ steigen könnte.
Somit richtete sich seine Rede nicht ans In- sondern ans Ausland. Schließlich hätten die USA und seine Verbündeten von Baltikum bis zum Kaukasus etwas dagegen, wenn Russlands Einfluss in diesen Regionen enorm steigen könnte.

Zu guter Letzt stellt Zalutin fest, dass Russland enorm im Ansehen der Serben fallen würde, sollten es die Unabhängigkeit des Kosovo unterstützen. Der Kosovo ist für die Serben das „Heilige Land“ (ich werde demnächst einmal etwas über den Kosovomythos schreiben) und der Verlust wäre nur durch mythischen Verrat möglich, wie eben im Kosovomythos beschrieben.


So langsam aber sicher scheinen die Dimensionen der Kosovoverhandlungen sichtbarer zu werden und zeigen, dass es wohl viel spannender und komplizierter wird, als von westlichen Experten dargestellt.